Reinhard Bock

WENN DER MANN MIT DER SCHIEBERMÜTZE

(2016)

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Wenn der mann mit der schiebermütze zu frank hin schauen würde


Wenn der mann mit der schiebermütze zu ihm hin schauen würde, könnte er sehen, wie ab und zu das ohnehin freundlich wirkende gesicht von frank sich zusätzlich erhellt. der mann könnte es für ein inneres lachen von frank halten. oder er könnte denken, dass frank vielleicht einen tick habe. einen, der ihn ab und zu auflachen ließe, tourette positiv sozusagen. unvorhersehbar. grundlos. laut.


Frank schaut auf ein kleines smartphone-display. eine große zahl dreht sich.

Der mann neben frank erkennt die  navigationsapp auf dem smartphone-display an dem farbigen layout und der aufteilung des bildschirms. er hat die gleiche app in seinem auto. im blickfeld der mittelkonsole ist sie gut erreichbar. bedienen muss der mann neben frank, wenn er in seinem eigenen wagen sitzt, nicht sehr viel. er drückt morgens "Arbeit". abends drückt er "privat".

Frank hat sein smartphone ausgemacht. er richtet sich auf. er platziert sein smartphone in der beintasche seiner hose. er streckt den hals noch ein wenig und legt den kopf gegen die scheibe des ICE. er hält die augen geschlossen.

Dem mann neben frank ist es recht, dass frank die augen geschlossen hält. der mann schaut auf die werbung über den fenstern gegenüber.

Davor spielte frank. das spiel hieß "tachostand". frank nutzt das GPS, das die app im dahinrasenden wagon auffängt und in blitzesschneller berechnung aus diversen satellitenstandortsignalen eine relative geschwindigkeit feststellen und auf dem display anzeigen kann.

Der mann fixiert jetzt das von der DB zu informations- und werbezwecken in der mittelachse des wagens aufgehängte display, das mit einem QR-tag zum bewerten der aktuellen fahrt auffordert.

Wenn frank tachostand spielt, zwingt frank sich für eine gewisse zeit nicht auf das display des smartphone zu schauen.

Der schiebermützenmann, der an den füßen CONVERSE-stiefeletten aus leinwandstoff trägt, dreht seinen kopf zu frank. er schaut ihn an, er scannt das entspannt an der scheibe des ICE lehnende gesicht, das beschienen wird von der im rythmus der oberleitungsmasten unterbrochenen abendsonne.

Frank wird es beim tachostandspiel - immer - kaum aushalten können, nicht auf das display zu schauen. aber weiß, dass die wahrscheinlichkeit, die genaue zahl des tachostandes zu treffen, immer geringer wird, je länger er wartet. um sich abzulenken, verfolgt er mit den augen einen weißen lieferwagen, der parallel zur bahnstrecke dahinrollt, auf einer mit jungen weißstämmigen birken gesäumten bundesstraße. der lieferwagen bleibt zurück. frank nimmt den blauen lkw mit anhänger ins visier. FRIEDHELM TRANSPORTE. danach ist ein rotes cabrio sein zielobjekt. am steuer ein älterer mann mit cabrio-mütze. "passt nicht zu MAZDA", denkt frank.

Der mann neben frank stellt beruhigt fest, dass das unerklärliche impulsive lachen seines nachbarn aufgehört hat. er hat es vorhin - durchaus - an franks körperzuckungen bemerkt, sich aber gezwungen, nicht den kopf zu drehen. privatsphäre ist tabu, so sein motto.

Dann, nach immer wieder verschobenen kleinen zusatz-timings ,,, in FACEBOOK rumblättern, DER SPIEGEL aufrufen ,,, schaut frank dann doch aufs display. und ja: „213“. frank ist begeistert. er lacht. kichert. „meine fresse“, denkt er, „was geil!“, genau getroffen!

Franks nachbar räuspert sich. „Wenn ich SIE mal was fragen darf … SIE haben doch vorhin in sich hinein gelacht, oder?“

Frank hebt den kopf und blinzelt. er ist verwirrt. der nachbar im zug spricht mit ihm. was will der? frank möchte sich nicht unterhalten. jedenfalls JETZT nicht. oder doch. nicht unhöflich sein.

„Ja, vorhin …  da haben SIE in sich hinein gelacht.

„Ach so, vorhin, naja, du musste ich lachen. ich hab genau die geschwindigkeit getroffen, die der zug fuhr. exakt die richtige zahl für kilometer pro stunde.“

Der mann neben frank schaut ungläubig. er wartet auf weitere erklärungen. er kann aus dem gesagten nicht die essenz filtern. er ist auch dahingehend verunsichert, ob sein nachbar, FRANK, ihn, MANN MIT SCHIEBERMÜTZE, veräppelt.

Frank erkennt seines nachbarns dilemma: „Was halten SIE dann erst von dieser geschichte“, fragt frank seinen nachbarn:

EIN MANN VERFÄHRT SICH ABSICHTLICH - TROTZ NAVI - WEIL ER SEHEN MÖCHTE, WOHIN IHN DAS NAVI SCHICKT, UM IHN AUF DEN RECHTEN WEG ZU BRINGEN.



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