Ken Bos

Steif

(1987)

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"Steif..." Steif verbeugte sich höflich wie immer, elegant wie immer, und ärgerte sich schwarz wie immer, daß er das dämliche Grinsen seines Gegenübers sah. Er hatte es zwar mittlerweile aufgegeben, dieses Grinsen mit einer scharfen Bemerkung zu verschrecken, weil er gelernt hatte, daß das Grinsen hinter seinem Rücken dann nur umso größer war. Es wallte in ihm auch nach so vielen Jahren auf und wollte ihm doch immer noch nicht gelingen, einfach cool, oder einfach etwas weniger steif, wie seine Freundin ihn so oft gefrozzelt hatte, an die Sache ranzugehen.

"Mußt Du mit leben", sagte sein Gegenüber nun wirklich cool - mehr oder weniger wörtlich. Damit war die Sache auch schon überstanden, und Steif hatte wieder einen Freund, fast für's Leben, gewonnen. Sie verstanden sich in vielen, nein in fast allen Fragen und Antworten nur durch das Fragen und Antworten selbst, das Antworten auf die Fragen war ebenso ein Spiel wie das Fragen um Antworten. Natürlich, daß es auch Situationen gab, wo sie beide ratlos waren. Steif fand das schön, weil er sich dann wieder öffnen mußte für - ein neues Grinsen. Nicht etwa, daß er damit seinen Freund verließ - oh nein.

Steif eroberte nur wieder ein Stück fremde Außenwelt als Terrain für zukünftige Abenteuer mit seiner großen Liebe, die immer davon genährt war, daß Steif schon was erlebt hatte. "Ach wer möchte da nicht Steif sein!" hatte einmal sein Chef ganz überrascht und laut vor versammelter Mannschaft ausgerufen, und es hatte wie "ach wer möchte da nicht steif sein?" geklungen, und Steif hatte daraufhin mit einer Kollegin erst drei Stunden über den männlichen Wahn vom steifen Glied geschnurrt, dann hatte sie von ihm die volle Wahrheit wissen wollen und auch erfahren, dann hatten sie noch mindestens eine halbe Stunde über ihren Chef gesprochen, warum bei ihm solche Versprecher, oder besser Vertoner, überhaupt nicht komisch, sondern allenfalls bemitleidenswert seien. Dabei hatte Steif ihr eine Brustspitze gekrault und gezupft. Immer wieder verglich er die andere, ungekraulte mit der gekraulten, dann nuckelte er sinnsuchend an ihr rum, und dann er innerte er sich daran, wie süß frische Muttermilch schmeckt und ob sie hier aus diesen Knospen wohl auch schmecken würde. Und da ist er plötzlich in der Gegenwart und vermißt doch die eine oder andere Liebkosung der Vergangenheit. Schnell verabschiedet er sich und fährt mit lauter Musik und offenem Schiebedach nach Hause. Morgen wird er sich seinen neuen Traumcomputer kaufen: das stimmt ihn sehr froh.

Einmal ist es die Freude über die errungene Entscheidung nach langer Phase der glühender und glühender werdenen Annäherung, dann stellt sich aber immer heraus, daß es sein kindlich-neugieriger Spieltrieb ist, der, wenn er befriedigt wird, so strahlend 'GUTE LAUNE' verbreitet. Der homo ludens findet in ihm eine liebenswerte Inkarnation, vor allem, solange er seine Spielleidenschaft auf mehreren Plätzen toben lassen darf.

Da sind wir wieder bei seinem Freund, der - was selten genug - ihn mit Eifersucht auf dem Felde des Spielens vollends verschont, oft soger noch ermutigt und anspornt. Ist es nicht klug, einen anderen in seinen Spielleidenschaften zu stärken, dort nämlich, wo er am stärksten Mensch selbst ist, ja: direkt, unüberlegt, ganz Bauch?

Sicher ist genau dies ja der Grund, warum so viele seiner Bekannten gerade das Spiel als Spiel meiden oder bespötteln. "Also, also ich könnte Ihnen da ein Ding erzählen von einem Sammler", hatte einmal auf einer Party unvermittelt ein anderer Gast zu ihm gasagt - er hatte wohl von seinen Leidenschaften gehört. Dann fing dieser Unglücksmensch mit dem Feuer eines Autoverkäufers an, auf Steif einzureden. Das, was er sagte, kam Steif verdammt, ich betone: verdammt! bekannt vor. Der Autoverkäufer war aber gar nicht mehr zu halten, kramte seine Zigaretten hervor und bot an, kippte sogar jovial etwas aus seinem sehr vollen Glas in den Pappbecher, den Steif etwas gedankenabwesend schief hielt, hinein und jappste erregt "Hoppla!. "Reg Dich nich' auf!" dachte Steif, und als er sah, daß der Kerl schon leicht weiß-schaumige Mundwinkel hatte, fragte er, als der andere mal kurz am Glas nippte, scheinheilig: "Ach dann sind Sie am Ende dieser Sammler, was?" Und dabei puffte Steif ihn so leutselig an, daß unser executive ganz flüchtig rot wurde.

"Schwul oder verlegen?", die Frage lag nahe, die Antwort interessierte Steif überhaupt nicht. "Ihhh, wenn der mich küssen wollte mit seinen Sabberbacken."

Aber Sabberbacke war dabei, nun da er über sich sprach, mit recht kantigen Sätzen zu erklären, daß er überhaupt keine Zeit für SO WAS habe. Zwar hätte er früher auch mal eine ziemlich große Sammlung - sicher, Wiking-Modelle - gehabt, aber heute? Nee danke, da komme er überhaupt nicht mehr dazu.

"So ein Wiking-Büssing aus den 60er Jahren hat inzwischen ganz schönen Wert!" Nee nee, so weit wollte Steif nun nicht gehen, "iss ja viel einfacher, die Kurve zu kratzen..." Sabberbacke schaute ihn verdutzt an, zuckte dann mit den Schultern. Sicher war es gewohnt, auch mal (?) eine Abfuhr zu erhalten.

Ansonsten war auf der Party auch nix weiter los. Doch - da war doch die Braut, die den drei anderen um sie herum irgendeine Sache pantomimisch klarzumachen versuchte. Das heißt, sie redete durchaus, sogar wie ein Wasserfall, aber das Vormachen bestimmter Dinge machte den wichtigsten Aspekt des Zusammenseins der kleinen Runde aus. Sie machte den anderen ganz offensichtlich gern etwas vor, so wie es die anderen genossen, von den vielfältigen Bewegungen ihres Kopfes, ihrer Hände - eigentlich ihres ganzen Körpers - entführt zu werden. Sie hatte große Brüste, die bei allzu heftig erzählten Details mächtig ins Zittern gerieten. Sowas sah Steif gern. Ohne Kommentar. Das Mädchen ging zusätzlich noch immer ein paar Schritte vor und dann wieder an die Wand zurück. Ihre Augen verdrehten sich gegen einen verknautschen Mund, manchmal drangen nur Comix-Laute aus ihrem Mund, und langsam fragte sich Steif, worum's wohl ginge. Ab und zu kreischten die anderen drei auf, da muß wohl immer so eine Art Erzähl-Orgi abgegangen sein: das Mädchen stand dann immer ganz dicht bei den anderen, die Arme weit offen gestreckt und das breiteste Strahlen im Gesicht. So ging das bis halb eins. Nun war Steif müde und wollte sich zuhause in Rohe auf seinen Computer freuen.

Die Gastgeber verabschiedeten ihn herzlich, sein Freund zwinkerte ihm verstehend zu und sang anzüglich:"To-to-to-tosch...", woraufhin die Frau des Freundes nur trocken sagte:"Isses mal wieder so weit?"

Also Kassette ins Autoradio, Schiebedach auf: es ist jetzt schon recht mild. Nicht gerade warm, nichts für Verwöhnte, aber immerhin erträglich nach diesem langen Winter. Steif freute sich auf's Bett, auf das langsame Einschlummern mit den kleinen Vorträumen, die leider so oft unausgeträumt blieben.


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