Ken Bos

Der sterbende Mann unter dem Baum

(2005)

»stories

Am Ufer lag der Mann unter dem Baum. Seine Füsse wollten das Wasser, sein Kopf suchte den Stamm.

Seine Frau hofft im Krankenhaus um sein Leben. Sie sitzt beim weißbekittelten Stationsarzt, der sie lange mustert und ihr dann doch keine Hoffnung macht. Seine Idee von Leben erschöpft sich in der Gewissheit des Messblatts, sie aber will das Leben ihres Mannes. Sie nimmt die Kamera und filmt ihren Mann, der hinter den Schläuchen seinen Leib nicht mehr fühlt, aber sicher ist, dass er noch da ist.

Was kann ein unsicherer, schwankender Gang denn überhaupt bewirken? Ist es die klare Vorstellung von der Zukunft, die gemeinsam ins Glück führen soll oder ist es nur die Verantwortung vor den eigen Werten und Zielen, die immer zu bewahren man sich einst geschworen hat?

Er war alleine. So sah es aus. Die Passanten ignorierten sein Dasein, nahmen ihn wohl war, aber wagten keine Fragen zu stellen. Sich nicht, dem Mann nicht. Die Musik in seinem Kopf stammte aus alten Zeiten, als Virtuosität noch anerkanntermaßen Normalität bedeutete, aber heute? Er fühlte die Töne und war stolz auf jedes Zwitschern, Kratzen, Knartzen oder Quietschen.

Rasant zogen die Wolken an seinem Blick vorbei. Er drehte nicht seinen Kopf, wenn sie seinem Augenkreis entschwanden, behielt starr seinen Inselblick.

Es war keine Woche her, dass der Intendant ihm die Kürzungspläne mitteilte. In seinem Zimmer lief das Radio Motor FM, aber weder er noch der Intendant hörten einen Ton. Was heißt hier Frohe Zukunft, dachte er. Ein Konzept muss her, das war seine Überzeugung. Nur wusste er nicht, dass der Intendant längst Aufträge erteilt hatte, die ihn überflüssig machten. Der Intendant war sein Freund, das machte ihn doch sicher, dachte er, dass er noch lange die Entscheidungen würde mitbestimmen können.

Aber auch Nobelpreise kommen oft überraschend zum Dichter. Was heißt hier Kritik an der Regierung, was heißt hier Gottensdienst der Künste? Eine Messe in moll oder in dur - nur die Eingeweihten wissen, welches Haus bestimmend ist für die Kunst. Überhaupt, Kunst, Baselitz, Arkadia!

Eine lange Zeit hatte er gebraucht, um die Musik in seinem Kopf wieder erklingen zu lassen. Die Zeit war vergangen und er hatte nie das Gefühl, dass er nah dran am Kern des Geschehens war. Wie viele Flaschen hatte er mit dem Intendanten getrunken - trockene Rotweine, spanisch, wir wissen ja Bescheid. Der Brillenmann will den neuen Anfang, glücklicher sein, die große Liebe finden, alles Fragen, die ihn beschäftigten.

Die Frau am Tresen stützt sich auf und strengt ihre Krähenfüße an. Sie hat das Studium geschmissen, aber ist stolz nun den Rioja auszuschenken. Ein Aufstieg oder eine Katastrophe am eigenen Traum? Die doppelte Mittelfalte auf der Stirn verfestigt sich, es gibt keine Aussicht auf Entspanung, das weiß sie, sie ist in ihrer eigenen Vergangenheit angekommen und wartet auf den Prinzen, dem sie später vorwerfen wird, er wäre viel zu spät gekommen um noch nützlich zu sein.

Er kann ihre Einsicht nur teilen, die Bitterkeit der Gedanken hilft ihm aber nicht, sein eigenes Schicksal gnädiger zu finden. Jede Flucht endet, wenn die Beine zu schwach sind weiter zulaufen. Und das ist nicht immer gut. Der Mensch, der sie zu sein glaubt, ist wohl nicht der, der sie eigentlich glaubte sein zu wollen.

Als sie zum letzten Mal zum Treffen kam, hatte er Tränen in den Augen. Er lachte verlegen. Er suchte sein Heil in der Flucht nach vorn, er nahm sie in die Arme und versenkte seinen Mund in ihre Lippen und saugte den Strom der Leidenschaft auf - eine lange einsame Nacht zu zweit, ein Suchen der Haut, ein Tasten der Wärme, ein verzweifelter Kampf gegen die Unaussprechlichkeit. Später aber Rückkehr zur Normalität, mit Schmerzen.

Sie liegen auf der Wiese. Er hat sein Glück in der Liebe gefunden, sie streichelt seinen Bauch, der in der Sonne Hitze aufgenommen hat und unter ihrer Handfläche glüht. Sie pausiert über dem Bauchnabel. Sie spürt die Vertiefung, und nimmt den Rythmus des Pochens auf. Stromschläge der Leidenschaft durchzucken sie. Sie beugt sich über ihn und küsst den Kosmos.

Der Traum hielt an, doch der kalte Wind am Wasser ließ das Schilf aufrauschen, sodass er erschrak. Er hatte aber keine Kraft mehr sich zu wehren, er atmete langsam. Er war wirklich glücklich, er fühlte es so deutlich. Noch langsamer atmete er.

Er hörte das Bellen der fetten Hunde und das Klingeln des Fahrradfahrers hinter ihm nicht mehr.


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